Eine Aktion der Stiftung Alltagsheldinnen

Liebe Politik, das sind die Menschen, über die Sie bestimmen.

Die Bundesregierung will den Unterhaltsvorschuss für Jugendliche ab 16 streichen. Bevor darüber abgestimmt wird, sollten die Entscheiderinnen und Entscheider wissen, wen es trifft. Hier sind 16 von ihnen.

Gezeichnete Alleinerziehende mit Umhang, die ihr Kind an der Hand hält.

Nehmen Sie sich Zeit. Lernen Sie diese Menschen kennen.

Sechzehn Leben aus der Community von Steffi Dellmann. Kein einziges davon steht im Haushaltsentwurf.

Alle Geschichten sind echt und von den Betroffenen selbst erzählt. Die Namen haben wir aus Datenschutzgründen geändert.

Das ist Sandra.

Ihr Mann starb an einem Dienstag, zwischen Frühstück und Kita-Bringen. Seitdem erzieht sie zwei Kinder allein, verwaltet Trauer, die nie Pause macht, und kämpft mit einer Witwenrente, die vorne und hinten nicht reicht. Niemand hat sie gefragt, ob sie alleinerziehend sein will.

Das ist Meltem.

Sie hat sich getrennt, nach Jahren des Versuchens, für ihre Kinder, die nicht in einem Zuhause voller Kälte aufwachsen sollten. Alle sagten: „Überleg Dir das gut.“ Sie hat nichts in ihrem Leben gründlicher überlegt. Es war die schwerste und beste Entscheidung ihres Lebens. Bereut hat sie nur, wie allein man sie damit ließ.

Eine Mutter hält ihr Kind im Arm, dahinter der unaufgeräumte Küchentisch.

Das ist Jana.

Verlassen in der 28. Schwangerschaftswoche, per Sprachnachricht. Sie hat allein entbunden, allein die Geburtsurkunde beantragt, allein die Nächte durchwacht. Heute ist ihr Kind sieben und fragt manchmal nach Papa. Sie findet jedes Mal eine liebevolle Antwort. Für einen Mann, der keine einzige schuldet.

Das ist Katrin.

Sie arbeitet Vollzeit als Erzieherin, betreut also den ganzen Tag Kinder, um dann ihr eigenes um 16:30 Uhr als letztes abzuholen. Von ihrem Gehalt bleibt nach Miete und Kita-Essen kaum etwas. Der Staat nannte Menschen wie sie „systemrelevant“. Meistens kurz vor Kürzungsrunden.

Das ist Aylin.

Ihr Ex zahlt keinen Unterhalt, aber er stellt Anträge. Umgang, Sorgerecht, Beschwerden, seit vier Jahren im Takt. Sie sitzt morgens im Gerichtsflur und nachmittags im Büro und tut so, als wäre nichts. Ihre Richterin nennt es „Elternkonflikt“. Sie nennt es das, was es ist: Er hat nur die Waffe gewechselt.

Eine Mutter arbeitet am Laptop, ihre Tochter steht neben ihr am Schreibtisch.

Das ist Britta.

Sie hat eine Gewaltbeziehung überlebt und den gefährlichsten Schritt gewagt: das Gehen. Mit zwei Müllsäcken und den Kindern an der Hand. Das erste Frauenhaus war voll, das zweite auch. Heute baut sie aus dem Nichts ein Leben auf und erklärt nebenbei dem Jobcenter, warum sie keine Kontoauszüge aus der alten Wohnung „nachreichen“ kann.

Das ist Nadine.

Alleinerziehende Studentin. Der Vater zahlt nichts und hielt sich „komplett raus“, nur aus der Krankenversicherung der Kinder flog er unbemerkt, sodass sie plötzlich auf allen Arztrechnungen saß. Sie schreibt nachts Hausarbeiten, wenn die Kinder schlafen. Ihr Studium ist ihr Ausweg aus der Armut. Es ist auch das Erste, was alle infrage stellen.

Das ist Susanne.

52, ihre Kinder sind fast groß, und jetzt kommt die Rechnung für drei Jahrzehnte Care-Arbeit: eine Rentenprognose, die knapp über der Grundsicherung liegt. Sie hat zwei Menschen großgezogen, die heute Steuern zahlen. Das System, das davon lebt, nennt ihre Lebensleistung eine „Versicherungslücke“.

Eine Mutter steht mit ihrer Tochter im Wohnzimmer, ringsum liegt Spielzeug.

Das ist Vanessa.

Sie bekommt Grundsicherung, und sie schämt sich dafür, obwohl sie sich für nichts schämen müsste. Jeder Termin beim Amt fühlt sich an wie ein Verhör. Seit Juli muss sie „verfügbar“ sein, ihr Kind ist 15 Monate alt. Einen Betreuungsplatz hat das Amt nicht mitgeliefert. Nur die Pflicht.

Das ist Christina.

Ihr Sohn ist behindert, sein Vater seit der Diagnose verschwunden. Sie ist Mutter, Pflegekraft, Therapeutin-Fahrdienst und Antragsstellerin in Personalunion. Für die Teilhabeassistenz ihres Kindes brauchte sie seine Unterschrift. Er verweigerte sie. Ihre Anwältin kostete 540 Euro. Geld, das ihr Sohn gebraucht hätte.

Das ist Fatma.

Sie arbeitet in der Pflege, Schichtdienst, und jongliert Dienstpläne gegen Kita-Öffnungszeiten wie eine Artistin. Wenn ihr Kind krank ist, beginnt die Tetris-Hölle: Kinderkrankentage, Oma anrufen, unbezahlt frei. Ihre Kollegen sagen: „Respekt, ich wüsste nicht, wie Du das machst.“ Ihr Arbeitgeber sagt: nichts. Ihre Gehaltsabrechnung auch.

Eine Mutter liest ihrem Kind vor, ringsum stapelt sich die Wäsche.

Das ist Silke.

Witwe mit drei Kindern. Sie trägt ihre Trauer und die ihrer Kinder, jeden Abend drei Mal „warum ist Papa gestorben“ in kindgerecht. Beim Sommerfest steht sie zwischen den Paaren und lächelt. Alleinerziehend zu sein, hat viele Anfänge. Ihrer war ein Anruf vom Krankenhaus.

Das ist Lena.

Sie hat das Wechselmodell gewollt und gekämpft, damit der Vater präsent bleibt. Er sagt jede zweite Woche kurzfristig ab, wenn etwas Besseres ansteht. Sie fängt auf, tröstet, organisiert um. Auf dem Papier teilen sie sich die Verantwortung. In echt teilt er sich die schönen Momente zu und ihr den Rest.

Das ist Ramona.

Ihr Ex rechnet sich seit Jahren arm, selbstständig, kein pfändbares Einkommen, aber neues Auto. Der Staat streckte den Unterhalt vor und holte sich von ihm: nichts. Jetzt will derselbe Staat das Geld sparen, das ihre Kinder bekommen. Bei ihm zugreifen wäre anstrengend. Bei ihren Kindern kürzen geht per Federstrich.

Eine Mutter macht ihrer Tochter die Haare, im Hintergrund das Wohnzimmer.

Das ist Daniel.

Alleinerziehender Vater, Witwer, zwei Töchter. Er kennt die Blicke („und wo ist die Mama?“), die Zopf-Tutorials um sechs Uhr morgens und die Vereinbarkeits-Falle genauso wie die Frauen auf dieser Seite. Was er nicht kennt: irgendeine Politik, die an Familien wie seine gedacht hätte.

Das ist Steffi. Das bin ich.

Schwanger verlassen, Bürgergeld beantragt, Studium neben Kind und Arbeit durchgezogen, acht Jahre ohne ein einziges freies Wochenende. Ich habe es geschafft, sagen die Leute. Stimmt. Aber ich weiß bis heute: Es hätte an jeder dritten Weggabelung auch kippen können. Und dass es nicht kippte, lag an mir, nicht am System. Das ist das Problem.

Worum es gerade geht.

Die Bundesregierung plant, den Unterhaltsvorschuss für Jugendliche ab 16 Jahren zu streichen. Begründet wird das mit knappen Kassen, vor allem in den Kommunen. Statt sich das Geld verstärkt bei den Unterhaltspflichtigen zurückzuholen, soll bei Jugendlichen gespart werden, die ohnehin überdurchschnittlich oft von Armut betroffen sind.

Für sie bedeutet das konkret: kein Geld mehr für den Verein, für die Klassenfahrt, für das, was Gleichaltrige selbstverständlich mitmachen. Der Druck steigt, früh selbst zu verdienen, statt einen höheren Abschluss zu machen. Wer Teilhabe an Bildung erschwert, verengt Zukunftsperspektiven.

Alleinerziehende darauf zu verweisen, sie sollten eben mehr arbeiten, ist ein Schlag ins Gesicht. Allein für Kinder zu sorgen ist eine enorme Leistung und begrenzt gleichzeitig die Möglichkeiten, erwerbstätig zu sein. Trotzdem arbeiten alleinerziehende Mütter laut VAMV mit 38,6 Prozent deutlich häufiger in Vollzeit als Mütter in Paarfamilien mit 30,7 Prozent.

Noch ist nichts beschlossen. Im Haushaltsentwurf für 2027 ist der Unterhaltsvorschuss zwar bereits gekürzt, ein Gesetz gibt es aber nicht. Die SPD lehnt die Kürzung ab, ihr Präsidium hat dazu am 17. August 2026 einen Beschluss gefasst. Um die Kürzung zu verhindern, braucht es eine Einigung in der Regierung. Und die entsteht durch Druck.

17,9 %

der ausgezahlten Beträge holt der Staat von den Unterhaltspflichtigen zurück. Über 80 Prozent bleiben liegen.

6,5 Mrd.

Euro offene Forderungen gegenüber Unterhaltspflichtigen. Bei ihnen zuzugreifen wäre anstrengend.

394 €

im Monat sind der Höchstsatz für Kinder ab zwölf. Genau dieses Geld soll ab 16 wegfallen.

Quelle: UVG-Geschäftsstatistik des Bundesfamilienministeriums für 2025.

Sie entscheiden nie über Haushaltsposten. Sie entscheiden über diese Leben.

Über den Unterhaltsvorschuss von Ramonas und Christinas Kindern. Über die Verfügbarkeitspflicht von Vanessa. Über die Therapieplätze, die Britta und Jana gebraucht hätten.

Wir fordern die Bundesregierung auf, sich an ihren eigenen Koalitionsvertrag zu halten: nur noch hälftige Anrechnung des Kindergeldes auf den Unterhaltsvorschuss und ein wirksamer Rückgriff bei denen, die nicht zahlen. Unterhaltspflichtige Elternteile dürfen sich nicht länger aus der Verantwortung stehlen.

Das sind die Menschen, über die Sie bestimmen, liebe Politik. Wir sorgen dafür, dass Sie sie nicht mehr übersehen können.

Stiftung Alltagsheldinnen und Steffi Dellmann

Sie lesen das nicht als Abgeordnete oder Abgeordneter, sondern weil Sie selbst betroffen sind oder solidarisch mitgehen wollen? Dann unterstützen Sie die Petition gegen die Kürzung beim Unterhaltsvorschuss.